Auswandererbriefe aus Nordamerika

 

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Auswandererbriefe in den Neuen Ländern

Hintergrundinformationen zum Neue-Länder-Projekt der NABS

Die Nordamerika-Briefsammlung (NABS)
Das Neue-Länder-Projekt
Wissenschaftliche Koordinatorin der neuen Sammlung: Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl

Ansprechpartnerin für Briefebesitzer:

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl (Trier/Gotha) (Email-Kontakt )

 

Die Nordamerika-Briefsammlung (NABS)

Auswandererbriefe vornehmlich einfacher Menschen sind eine durch nichts zu ersetzende, zentrale Quelle für die Kultur- und Alltagsgeschichte der Migration, aber auch für die Sozial-, Mentalitäts- und Sprachgeschichte. Der hohe Quellenwert von Auswandererbriefen, noch vor 30 Jahren kaum beachtet, ist heute unbestritten. Sie sind nach wie vor neben den wenigen erhaltenen Tagebüchern die einzigen zeitgenössischen (Gegensatz: Memoiren) und tatsächlich subjektiven sozialgeschichtlichen Zeugnisse bzw. "Ego-Dokumente" für die Prozesse der Auswanderungs-entscheidung sowie der Orientierung und Integration im Gastland. Diese ganz persönlichen Zeugnisse über das Erleben des Gastlandes – Fremdes und Vertrautes, Sprachprobleme und Heimweh, Diskriminierung und wirtschaftlicher Erfolg, Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, Ängste, Hoffnungen, Stolz auf Erreichtes und auf die eigene ethnische Gruppe, - lassen nicht nur das Schicksal der Deutschamerikaner rekonstruieren, sondern geben auch bewegende und aufrüttelnde Hinweise auf ein paralleles, wenn auch nicht immer direkt vergleichbares Erleben der Gastarbeiter, Asylbewerber und permanent in Deutschland lebenden Ausländer.

Gerade deshalb sind Auswandererbriefe, wiewohl primär von wissenschaftlichem Interesse, auch für Schulunterricht und politische Bildung bedeutsam. Auswandererbriefe als Lehrmaterial werden in Schule und Erwachsenenbildung sehr häufig verwendet, weil sie auch einen hohen didaktischen und gesellschaftspolitischen Wert besitzen. Demonstrieren sie doch eindringlich und unmittelbar, dass auch Deutsche einmal Einwanderer waren, ihre Sprachschwierigkeiten hatten, nicht selten diskriminiert wurden und es gelegentlich auch zu Auseinandersetzungen mit den Einheimischen kam.

Auf der Grundlage dieser Prämissen entstand in den 1980er Jahren – zu einer Zeit, als eine öffentliche Einwerbung von Dokumenten bei Privatleuten in der DDR nicht möglich war – an der Ruhr-Universität Bochum die weltweit mit Abstand bedeutendste Sammlung von deutschen Auswandererbriefen (Bochumer Auswandererbrief-Sammlung, BABS). Die unter dem Namen BABS bekannt gewordene Sammlung von Briefen, die deutsche Auswanderer ca. 1820 bis 1914 aus den USA nach Deutschland schickten, wurde unter der Projektleitung von Prof. Dr. Wolfgang Helbich in den 1980er Jahren mit generöser finanzieller Unterstützung der Stiftung Volkswagenwerk aufgebaut. Neben einer gut 5000 Texte umfassenden Sammlung gedruckter Briefe enthält diese Sammlung ca. 7000 unveröffentlichte Briefe, vor allem aus dem Zeitraum 1830-1930, teils im Original, teils in Kopien des Originals, zusammen mit sehr umfangreichem biographischen und deskriptiven Material. Die Zahl von rund 7000 im Original oder in Kopie des Originals vorhandenen Briefen macht die BABS zu der mit Abstand quantitativ führenden in Deutschland und zu einer der drei oder vier größten in der Welt. Qualitativ steht sie konkurrenzlos weltweit an der Spitze in dem Sinne, dass keine andere so leicht zugänglich, so umfassend transkribiert und so intensiv recherchiert ist. Zwei wissenschaftliche Editionen -- Briefe aus Amerika (Beck 1988) und Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg (Schoeningh 2002), jeweils etwa 600 Seiten -- sind aus diesem Sammelprojekt hervorgegangen.

Seit der Eröffnung der BABS sind kaum noch wissenschaftliche Abhandlungen zur Amerika-Auswanderung erschienen, ohne dass die Verfasser die Sammlung benutzt hätten. Die internationale Bedeutung der BABS wird auch dadurch dokumentiert, dass die Library of Congress die Sammlung vollständig auf Mikrofilm aufnehmen ließ, was 42 Filmrollen erforderte. Literatur

Die Bochumer Auswandererbriefsammlung ist bislang eine so gut wie ausschließlich westdeutsche Institution. Ein wesentliches Ziel des neuen Projektes "Amerikabriefe nach Ostdeutschland" ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese so erfolgreiche Sammlung über ihre BRD-Zentriertheit hinsichtlich Sammelgebiet und Briefbestand hinaus wächst, durch Dokumente aus den Neuen Ländern ergänzt wird und sich damit zu einer gesamtdeutschen Auswandererbrief-Sammlung entwickelt. Das ist im wissenschaftlichen Interesse in vielerlei Hinsicht dringend wünschenswert. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Probleme und Formen der Auswanderung in Deutschland nicht nur insgesamt regional verschieden sind, sondern auch und gerade zwischen den westdeutschen und den ostelbischen Territorien. Damit ist aber nur eine von vielen Forschungsperspektiven angesprochen. Die teilungsbedingte Forschungslücke ist sicherlich am ausgeprägtesten im Bereich alltags- und mentalitätshistorischer Fragestellungen, kann aber auch hinsichtlich von Untersuchungen zur Sprachentwicklung festgestellt werden.

Die Briefe wurden 1999 der Forschungsbibliothek Gotha anvertraut, die aufgrund ihrer umfangreichen Erfahrungen in der Verwaltung, Erschließung und Nutzbarmachung von Briefbeständen sowie ihrer geographischen Lage ein idealer Ort für die Sammlung ist. Die Bochumer Sammlung bildet die Grundlage für das neue Sammelprojekt und ist zu diesem Zwecke umbenannt worden in "Nordamerika-Briefsammlung".

Das Neue-Länder-Projekt

Ausgehend von der Tatsache, dass die BABS nur in der alten Bundesrepublik Briefe einwerben konnte, entwickelten Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl, Professor für Geschichte Nordamerikas am John F. Kennedy-Institut der FU Berlin, und Dr. Rupert Schaab, Direktor der Forschungsbibliothek Gotha/Erfurt, in Konsultation mit Prof. Helbich den Plan, das weitgehende Fehlen von Briefen aus Amerika nach Ostdeutschland zu korrigieren, und zwar durch ein Projekt zum Sammeln und Erschließen, von Auswandererbriefen in die neuen Länder. Finanziert wird das neue Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Das neue Sammelprojekt intendiert zweierlei: einmal durch intensive Werbung möglichst viele Briefe, die heute noch in den Neuen Ländern in Privatbesitz sind, aufzuspüren und durch Kopieren oder Konservieren der Originale für die Nachwelt zu erhalten. Dabei verfolgt das Projekt neue Wege der Materialsammlung. Während die Bochumer Sammlung überwiegend mit Hilfe von Pressemitteilungen zusammengetragen wurde, soll die Sammlung in den neuen Ländern auch die Schulen mit einbeziehen. Lehrer sollen zur Behandlung des Themas Auswanderung/Einwanderung im Unterricht ermutigt werden und auf diesem Wege Schüler motivieren, in Familie und Bekanntenkreis möglicherweise vorhandene alte Briefe aus Amerika aufzuspüren und sie im Original oder als Kopie der neuen Sammlung zur Verfügung zu stellen. Dazu sind umfangreiche Materialien für die Nutzung von Auswandererbriefen im Unterricht der Sekundarstufe I und II vorbereitet worden. Unterrichtsvorschläge Durch die seit einem Jahr probeweise angelaufenen Einwerbemaßnahmen über Schulen, Kirchen und Presse konnten schon einige hundert Briefe gesammelt werden. Mit Hilfe der von der DFG zur Verfügung gestellten Personal- und Sachmittel kann nun die Einwerbung intensiviert werden. So werden die erarbeiteten Unterrichtsvorschläge in den kommenden Monaten über die Kultusministerien der Neuen Länder an die Schulen verteilt. Auch Vertreter der Kirchen unterstützen die Sammelaktion.

Zum anderen sollen die eingeworbenen Briefe auf den gleichen hohen Erschließungsstand wie jene der bestehenden Sammlung gebracht werden, also weitgehend transkribiert und hinsichtlich der Korrespondenten gründlich recherchiert werden. Dabei sollen unter Nutzung der EDV-Technik neue Wege der Katalogisierung und Archivierung des gesammelten und erschlossenen Briefmaterials erprobt werden. Die Erschließung soll in einer Weise geschehen, daß eine wirklich integrierte Deutsche Auswandererbrief-Sammlung entsteht. Die arbeits- und zeitintensivste Aufgabe ist dabei das Transkribieren.

Briefe von Auswanderern sind nach wie vor neben den wenigen erhaltenen Tagebüchern die einzigen zeitgenössischen (Gegensatz: Memoiren) und tatsächlich subjektiven sozialgeschichtlichen Zeugnisse bzw. "Ego-Dokumente" für die Prozesse der Auswanderungsentscheidung sowie der Orientierung und Integration im Gastland. Sie sind unersetzlich, weil nur sie über viele Aspekte der Auswanderung von sechs Millionen Deutschen nach Nordamerika verlässliche Auskunft geben, vor allem über deren Wünsche und Hoffnungen, Schwierigkeiten und Erfolge, Eindrücke und Vorurteile. Deswegen geht es hier nicht nur darum, Material für Historiker und Familienforscher zu finden, sondern ein angesichts der ständigen Verluste durch Tod und Umzüge akut bedrohtes wertvolles Kulturgut zu retten.