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Auswandererbriefe aus Nordamerika

 

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Die Nordamerika-Briefsammlung (NABS)

Entstehung der Sammlung
Ziele der Sammlung
Der Initiator der Sammlung

Die Entstehung der Sammlung

Viele Dinge und Institutionen wurden geschaffen, um einem Mangel abzuhelfen. So auch die Nordamerika-Briefsammlung (NABS, ehemals Bochumer Auswandererbriefsammlung, BABS). Ein Bochumer Historiker suchte für seine Forschung Briefe von deutschen Auswanderern in die USA im 19. Jahrhundert. Er fand dabei zahlreiche Briefeditionen aus dem Ausland, viele von zweifelhafter wissenschaftlicher Qualität, aber auch zwei, die voll überzeugten: Charlotte Ericksons Invisible Immigrants (1972) für England und Schottland und Giorgio Cheda, L'emigrazione ticinese in California, Epistolario (2 Bde. 1981) für das Tessin. Nur für Deutschland existierte weder eine repräsentative Edition noch ein auf Auswandererbriefe spezialisiertes Archiv oder eine größere Sammlung. Er kam rasch zu dem Schluss, dass diese Lücke für das Land mit den höchsten Auswandererzahlen im 19. Jahrhundert geschlossen werden müsse.

Ein 30-Zeilen-Text über die Wichtigkeit von Auswandererbriefen als historische Quelle, gekoppelt mit dem Aufruf, solche Briefe nach Bochum zu senden, wurde an 120 Tageszeitungen geschickt, von denen gut drei Viertel ihn auch abdruckten. Das löste einen gewissen Schneeballeffekt aus -- ZEIT, HÖR ZU!, Radio -- und brachte einen Bestand von zunächst rund 3000 Briefen ein, der bis 1990 auf 6000 wachsen sollte.

Gut vier Jahre lang, 1984-1988, finanzierte die Stiftung Volkswagenwerk sehr großzügig das Forschungsprojekt "Auswandererbriefe als historische Quelle" unter Leitung von Prof. Wolfgang Helbich, der die Geschichte Nordamerikas in der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum vertrat. Wissenschaftliche Mitarbeiter, studentische Hilfskräfte und auch ehrenamtlichen Helfer (sie sind in Briefe aus Amerika [1988] namentlich aufgeführt) befassten sich in erster Linie mit der Erschließung des Materials, wobei die Transkription, die biographischen Archivrecherchen und der thematische Stichwortkatalog den Löwenanteil der Arbeitszeit beanspruchten. Unersetzlich war die Kooperation von Prof. Walter D. Kamphoefner, Texas A & M University, der als Auswandererforscher in den USA lehrt und mit den dort zur Verfügung stehenden Recherchemöglichkeiten unzählige Anfragen beantworten konnte. Ohne das VW-Geld und das Engagement der Mitarbeiter hätte nie eine Sammlung entstehen können, die durchaus den Anspruch erheben kann, quantitativ führend und qualitativ, hinsichtlich des Erschließungsgrades, einzigartig in der Welt zu sein.

Nach dem Auslaufen der VW-Förderung gingen zwar weiter Briefe ein, aber die wenigen Arbeitsstunden, die für studentische Hilfskräfte aus dem Universitätsetat abgezweigt werden konnten, reichten nicht für eine vollwertige Einarbeitung aus, allenfalls für die Beantwortung von Anfragen. Etwa seit 1988 ist die NABS (damals BABS) zwar intensiv genutzt, aber nicht mehr ausgebaut worden. Mit der Überführung nach Gotha im Jahr 2000 und den mit der neuen Sammlung einhergehenden Erweiterungsplänen hat eine neue Auf- und Ausbauphase begonnen.

Ziele der Sammlung

Ideen und Absichten hinter dem Aufbau und der Aufbereitung der Auswanderer-Briefsammlung waren einerseits wissenschaftlich, andererseits zumindest indirekt politisch und pädagogisch.

Die wissenschaftliche Seite betrifft in erster Linie die historische, insbesondere die sozialgeschichtliche Forschung: amerikanische und deutschamerikanische, Migrations- und Auswanderungsgeschichte. Nur Briefe (neben den wenigen Tagebüchern) bieten zeitgenössische Aussagen, die nicht von langjähriger Erinnerung (wie z.B. Autobiographien, oral history) verfälscht sein können, sondern tatsächlich weitgehend zeitgleich gemacht wurden. Keine andere Quelle gibt die subjektive Meinung von Auswanderern zu ihrer neuen Heimat, zu ihrem Deutschland-Bild, zur neuen Sprache und zum Integrationsprozess wieder.

Noch eine andere Wissenschaftsdisziplin (neben der Soziologie in ihren historischen Dimensionen, der Anthropologie und der Ethnologie) profitiert von der Briefsammlung: die germanistische Sprachwissenschaft. Das Interesse der Linguisten beruht darauf, dass schriftliche Zeugnisse wenig gebildeter Menschen vor 1900 so selten sind, dass Auswandererbriefe den größten erhaltenen Bestand bilden. Das liegt einmal daran, dass Menschen, die sich nicht weit und dauerhaft von ihrer Heimat entfernten, selten Grund zum Briefeschreiben hatten und zudem die Briefe aus Amerika viel eher aufbewahrt wurden als solche aus Dortmund oder Breslau, des exotischen Wertes wegen oder weil die Empfänger selber an Auswanderung dachten.

Politisch-pädagogisch erschien es wichtig, die Erkenntnis zu vermitteln, dass Deutschland, heute Gastland für Türken, Jugoslawen und viele andere Nationalitäten, im 19. Jahrhundert seinerseits 5,5 Millionen Menschen in die USA entließ, die als einwandernde fremde Minderheit in einer zum Teil durchaus vergleichbaren Lage waren wie eingewanderte Ausländer in Deutschland heute. Und während jeder genaue Vergleich z.B. Türken in Deutschland, Deutsche in den USA wegen der dazwischen liegenden 100 bis 200 Jahre rasanter ökonomisch-sozialer Entwicklung hinken muss, weist das in den Briefen umfassend dokumentierte Schicksal der deutschen Einwanderer -- Freude über politische Freiheit und soziale Gleichheit, Diskriminierung, fremdenfeindliche Verfolgung, wirtschaftlicher Erfolg, ethnisches Eigenleben, Heimweh, Isolierung und Selbstisolierung etc. etc. -- so viele zumindest scheinbare Parallelen zum heutigen Ausländerschicksal in Deutschland auf, dass sie durch den Rollentausch verstärktes Nachdenken auslösen könnten.

Auswandererbriefe können Verständnis für die heutigen Probleme von Ausländern in Deutschland wecken.

Prof. Dr. Wolfgang Helbich - Der Initiator der Sammlung

Wolfgang Helbich, Professor für Nordamerikanische Geschichte i.R., der Initiator der Sammlung, hat in den 1980er Jahren begonnen, diesen bis dahin zu wenig beachteten Schatz zu heben und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

1935 in Berlin-Steglitz geboren, studierte er Geschichte, Anglistik und Romanistik, Philosophie und Pädagogik an der FU Berlin, in Heidelberg, an der Sorbonne und wieder in Berlin. Er war 1956-58 als Fulbright-Stipendiat an der Princeton University, wo er mit dem BA in History abschloss. Die Promotion mit einer von Hans Herzfeld betreuten Arbeit (Die Reparationen in der Ära Brüning: Zur Bedeutung des Young-Plans für die deutsche Politik 1930-1932, Berlin 1962) sowie seine Arbeit als Stipendiat der List-Gesellschaft - Assistenz beim Verfassen des zweiten Memoiren-Bandes von Dr. Hans Luther und nach dessen Tod Herausgabe des Manuskrips (Vor dem Abgrund: Reichsbankpräsident in Krisenzeiten, Berlin 1964) - weisen ihn als Kenner der neueren deutschen Geschichte aus.

Seine Lehrtätigkeit in Amerikanistik am Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg wie im Rahmen des BA-Programms der University of Maryland, European Division führten die in Princeton begonnene Beschäftigung mit der amerikanischen Geschichte weiter. Als Übersetzer von rund 25 Büchern, als Forschungsstipendiat des American Council of Learned Societies in Princeton und Washington 1964-66, als Professor für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte Nordamerikas (von 1974 bis 2000) in Bochum, als Biograph Franklin D. Roosevelts, aber auch als Mitherausgeber und Autor im bundesdeutschen Teil des fünfbändigen "Guide to the Study of United States History Outside the U.S., 1945-1980" (White Plains, New York, 1985) hat er sich mit weiteren Sektoren der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft vertraut gemacht. Seit Anfang der 1980er Jahre konzentrierte er sich auf Auswanderungsforschung, insbesondere auf das Sammeln und Analysieren von deutschen Auswandererbriefen.